Offener Brief zum 5. Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig

Sehr geehrter Herr Staatsminister, 

mit Unverständnis und großer Sorge haben wir vergangene Woche die Nachricht zum Stopp des geplanten Magazinerweiterungsbaus der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Leipzig zur Kenntnis genommen. Dies wäre ein fatales Signal für den Wissenschafts- und Kulturstandort Deutschland allgemein und Leipzig im Besonderen. Deshalb begrüßen wir Ihre Mitteilung vom 18. März 2026, das Vorhaben weiterzuverfolgen. Da die Finanzierung des Erweiterungsbaus weiterhin nicht gesichert ist und im laufenden Haushaltsaufstellungsverfahren beschlossen werden müsste, möchten wir an dieser Stelle die Bedeutung des Baus aus Sicht der Leipziger Wissenschaft unterstreichen.  

 Die Deutsche Nationalbibliothek gehört seit über einhundert Jahren zu den Pfeilern der Wissenschaftsstadt Leipzig und trägt maßgeblich zur nationalen und internationalen Ausstrahlung sowie zur wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit unseres Standorts bei, indem sie geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung in all ihren Verbindungen zu anderen Disziplinen inspiriert und befördert. Dafür stellt die Nationalbibliothek einen einzigartigen Bestand an Publikationen zur Verfügung, der stetig weiterwächst und dessen Printbestand von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aller Fachbereiche aktiv genutzt wird. Und der Standort in Leipzig gewinnt weiter an Bedeutung, wie sich auch an der Zahl der internationalen Gäste ablesen lässt, die wegen der Nationalbibliothek mit ihren hervorragenden Arbeitsbedingungen vor Ort nach Leipzig kommen.

Der Bau der DNB erfolgte Anfang des 20. Jahrhunderts nicht ohne Grund in der Buch- und Wissenschaftsstadt Leipzig. Sie ist über ihre Messen bereits seit Jahrhunderten international vernetzt und zählt mit ihrer 1409 gegründeten Universität sowie zahlreichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu den führenden europäischen Geistesmetropolen und Innovationsstandorten.

Der Mutterstandort Leipzig der DNB hatte seit 1945 gerade für Ostdeutschland als Ort, an dem Literatur und wissenschaftliche Publikationen frei zugänglich waren, und als „Fenster zur Welt“ für die Bevölkerung einen besonderen Stellenwert. Für die wissenschaftliche Exzellenz und die Kooperation am Wissenschaftsstandort Leipzig sowie für Generationen von Studierenden, Promovierenden und Forschenden in unserer Stadt ist die DNB in ihrer Gedächtnisfunktion unverzichtbar.

Die Aufbewahrung kultureller Überlieferungen in digitaler Form ist von zunehmender Bedeutung, aber die Frage nach ihrer langfristigen Zugänglichkeit bleibt ungeklärt. Zudem sind enorme Kosten für den Erhalt dieser digitalen Kopien zu erwarten. Daher bleibt das Buch als materielles Gut eine unverzichtbare Form der Langzeitarchivierung, die neben der Digitalisierung verfolgt werden muss. Wir bitten Sie, dies bei einer möglichen Reform des Gesetzes über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG) zu berücksichtigen.

Der fünfte Erweiterungsbau der DNB am Standort Leipzig wurde 2018 nach gründlicher Vorplanung und sorgfältiger Abwägung beschlossen und mit einem Architekturwettbewerb erfolgreich vorangetrieben. Angesichts des fortgeschrittenen Planungsstands, und nicht zuletzt aus Gründen der Effizienz und des rationalen Mitteleinsatzes, halten wir die Umsetzung für geboten.

Gerade in Zeiten angespannter öffentlicher Haushalte muss sich die Bundesregierung mit Weitblick für die Erhaltung und langfristige Stärkung des Wissenschaftsstandortes Deutschland einsetzen. Dazu zählt auch die Unterstützung so zentraler Infrastrukturen wie der Deutschen Nationalbibliothek. Nur so kann die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und das kulturelle Erbe in Deutschland erhalten und der Wissenschafts-, Kultur- und Wirtschaftsstandort Leipzig nachhaltig gestärkt werden. Wir bitten Sie eindringlich, sich mit ganzer Kraft für die zügige Umsetzung des Magazinerweiterungsbaus der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig einzusetzen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Eva Inés Obergfell

Vorstandsvorsitzende des Leipzig Science Network und Rektorin der Universität Leipzig